Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2011

Source: Friedenspreis des Deutschen BuchhandelsIm Rahmen der Frankfurter Buchmesse wurde dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal am 16. Oktober 2011 in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels durch den Börsenverein verliehen. In der Begründung der Jury heißt es: „Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2011 Boualem Sansal und ehrt damit den algerischen Schriftsteller, der als leidenschaftlicher Erzähler, geistreich und mitfühlend, die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert. Boualem Sansal gehört zu den wenigen in Algerien verbliebenen Intellektuellen, die offen Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen üben. Mit seinem hartnäckigen Plädoyer für das freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft tritt er gegen jede Form von doktrinärer Verblendung, Terror und politischer Willkür auf. Dabei richtet sich sein Blick nicht nur auf die Heimat, sondern auf die ganze heutige Welt.“

Sansals offenes politisches Engagement nahm möglicherweise 2006 seinen Ausgang als er einen offenen Brief an seine Landsleute veröffentlicht: „Unter dem Titel »Poste restante: Algier: Lettre de colere et d’espoir à mes compatriotes« (2006; dt. »Postlagernd: Algier. Zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute«, 2008) wendet sich Sansal in erster Linie an die Algerier in und außerhalb des Landes, doch führt die komplexe Bedeutung des Textes weit über den algerischen Kontext hinaus. Sansal geht es mit dieser »Streitschrift in guter alter französischer Tradition« (Die Tageszeitung) um eine wahrhaftige Demokratie, in der die Vision einer aufgeklärten Weltbevölkerung Gestalt annehmen könnte. Nach der Veröffentlichung werden Sansals sämtliche Bücher in Algerien auf den Index gesetzt. Trotz des politischen Drucks auf ihn entscheidet er sich, in seinem Heimatland zu bleiben.

 

Sein jüngster Roman »Le village de l’Allemand ou le journal des frères Schiller« (2008; dt. »Das Dorf des Deutschen«, 2009) wird mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und erscheint erstmals neben Französisch und Deutsch auch in anderen Sprachen wie Niederländisch, Italienisch und Englisch. Der Roman erzählt von zwei in Frankreich aufgewachsenen algerischen Brüdern, die nach dem Tod der Eltern mit der Nazi-Vergangenheit ihres deutschen Vaters konfrontiert werden. Sansal verbindet in der Geschichte die Tabuisierung der Shoah in der arabischen Welt mit der tristen Realität von Einwanderern in den europäischen Vorstädten. Der Roman löst bei seinem Erscheinen in Frankreich eine große Debatte aus, da Sansal die Methoden der Islamisten mit denen der Nationalsozialisten in Relation setzt. Seitdem hat in Algerien der gesellschaftliche und politische Druck auf ihn zugenommen. Die algerischen Leser von Boualem Sansal können sich seine von der Regierung auf den Index gesetzten Bücher nur im Ausland besorgen. Buchhändler verkaufen sie heimlich unter dem Ladentisch. Regimekritiker verbreiten Kopien im Internet und diskutieren in Internetforen über die Möglichkeiten eines demokratischen Wandels.

 

Mit Beginn der Demonstrationen und Demokratisierungsprozesse in der Arabischen Welt wird Boualem Sansal auch im Ausland zu einem wichtigen Gesprächspartner. In zahlreichen Veröffentlichungen und Interviews unterstützt er die Reformbewegungen und warnt vor dem immer mehr an Einfluss gewinnenden fundamentalistischen Islamismus, den er als große Gefahr für die Freiheit und für den gemäßigten Islam sieht. Mit Skepsis setzt er sich auch mit dem aufkommenden arabischen Nationalismus auseinander, der den Weg zur Demokratie behindern könnte.“ (Quelle: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels)

 

Zu Biographie, Leben als Schriftsteller, Bibliographie und einem Interview mit Boualem Sansal