Widerstand – Gewalt – Umbruch. Bedingungen gesellschaftlichen Wandels

Einer Bertolt Brecht zugeschrieben Parole zufolge wird Widerstand dort zur Pflicht, wo Unrecht zu Recht wird. Wahrgenommenes Unrecht kann zu Widerstand führen – etwa dann, wenn einem gesellschaftlichen Wandel kein politischer folgt oder wenn politische Herrschaft gesellschaftlichen Wandel unterdrückt. Zugleich muss ein politischer Umbruch nicht zwingend auch in gesellschaftlichen Wandel münden.

 

Gewaltfreie Formen des Protests, die in der Vergangenheit vor allem zum Widerstand gegen repressive Regime eingesetzt wurden (z.B. Indien, Pakistan, Südafrika, DDR, Philippinen), sind in der jüngsten Zeit vermehrt auch wieder in stabilen Demokratien zu beobachten, etwa in Deutschland, wo sich breiter gesellschaftlicher Widerstand gegen das Großprojekt „Stuttgart 21“ sowie gegen die bisherige Atompolitik der Bundesregierung formiert hat. Für die Friedens- und Konfliktforschung ergibt sich daraus die Frage nach strukturellen und akteursbezogenen Bedingungen für friedlichen/gewaltsam eingeleiteten Wandel: Wie lässt sich erklären, dass Umbruch teils gewaltlos entsteht, zugleich jedoch in bestimmten Kontexten gewaltsamer Widerstand geleistet wird? Wie kann auch ein mittels Gewalt herbeigeführter Umbruch in einen friedlichen gesellschaftlichen Wandel überführt werden?

 

Insbesondere die jüngsten Ereignisse in der arabischen Welt verweisen auf das komplexe Zusammenspiel von Widerstand, Gewalt und Umbruch: Gewaltloser Widerstand kann wie in Tunesien und Ägypten zu politischem und gesellschaftlichem Wandel führen. In Libyen wurde hingegen der anfangs gewaltfreie Widerstand zunehmend mit Waffengewalt fortgeführt. Darüber hinaus findet in Libyen eine militärische Intervention von außen statt. Die aktuellen Ereignisse werfen die Frage nach der Legitimität von Widerstand auf: Sind gewaltsame Widerstandsbewegungen im Kontext illegitimer Herrschaft legitim? Inwiefern ist die Anwendung von Gewalt legitim – auf Seiten der Herrschenden, aber auch der Beherrschten? In welchem Zusammenhang stehen dabei sowohl Gewalt bzw. Gewaltlosigkeit und Widerstand als auch die (Herrschafts-)Legitimität von (externen) Akteuren? Schließlich verweisen die jüngsten Ereignisse in Nordafrika auch darauf, dass Widerstand häufig mit Unzufriedenheit mit der politischen Führung und gesellschaftlicher Machtverteilung sowie mit nicht eingelösten Vorstellungen von Gerechtigkeit einhergeht. Nicht zuletzt sind dabei die unterschiedlichen Perzeptionen und Motive der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sowie die lokalen kulturellen Kontexte und Praktiken von  Protest zu berücksichtigen.

 

Beim 44. Jahreskolloquium der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung vom 22. bis 24. März 2012 in der Evangelischen Akademie Villigst soll dem Verhältnis von Widerstand, Gewalt/Gewaltfreiheit und Umbruch sowohl theoretisch-konzeptionell als auch mit Blick auf unterschiedliche empirische und regionale Kontexte aus verschiedenen disziplinären Perspektiven nachgegangen werden.

 

Besonders willkommen sind neben politik- und sozialwissenschaftlichen Beiträgen solche aus der Psychologie, der (Friedens-)Pädagogik, der Religionswissenschaft/Theologie, den Kultur- und Regionalwissenschaften, der Wirtschafts-  und der Geschichtswissenschaft. Die Panels und Papiere sollten sich an folgenden übergeordneten Fragen orientieren:

– Welche theoretischen Konzeptionen können dazu beitragen, das Zusammenspiel von Gewalt bzw. Gewaltlosigkeit, Widerstand und Umbruch zu verstehen? Welche Rolle spielt dabei die Kategorie Geschlecht?
– Welche Ursachen gibt es für gewaltsamen Umbruch? Wie kann erklärt werden, dass Widerstand in bestimmten Kontexten gewaltfrei oder gewaltvoll verläuft?
– Wie gelingt Mobilisierung zu Widerstand? Welche Rolle spielen dabei Eliten und Führungspersonen? Welche (sozialen) Dynamiken innerhalb von Widerstands­bewegungen sind hierbei auszumachen? Welchen Platz nehmen Bewegungen wie etwa Gewerkschaften und Frauenbewegung dabei ein?
–  Wie lässt sich gewaltsamer Umbruch in einen friedlichen gesellschaftlichen Wandel transformieren?
– Wie wird Widerstand legitimiert? In welchem Verhältnis steht dies zur legitimen oder illegitimen Durchsetzung des Gewaltmonopols gegen Widerstand? Welche Rolle spielen dabei interne und externe Akteure? Wie wirken Geschlechterkonstruktionen in der Legitimierung sowohl von Widerstand als auch von externen Interventionen?

 

Es gibt zwei Möglichkeiten, Beiträge einzureichen:

– *mit einem themenbezogenen Panel:* Dann senden Sie uns bitte bis spätestens *01. Oktober 2011* eine thematische Skizze Ihres Panels (max. 2 Seiten) mit Angaben zur Panelleitung, zu den Vortragenden sowie ggf. zu einem/einer Discussant und den Themen der Einzelvorträge (soweit schon möglich). Pro 90-minütige Panelsitzung sind in der Regel 3, maximal 4   Einzelbeiträge vorgesehen.

– *mit einem themenbezogenen Einzelbeitrag:* Dann senden Sie uns bitte bis spätestens *01. Oktober 2011* einen aussagekräftigen Abstract (max. 2 Seiten).

 

Die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung bemüht sich um die Einwerbung von Drittmitteln, so dass *gegebenenfalls* die Reisekosten der ReferentInnen übernommen werden können. Bei Bedarf bemüht sich die AFK um die Bereitstellung einer Kinderbetreuung.

 

Papers und Panel-Vorschläge bitte in elektronischer Form an die AFK-Geschäftsstelle in Augsburg, Frau Pia Popal, afk-gf@afk-web.de